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Melanie Lauterbrunner
Thiwelfaria
Das Tor zur Erinnerung 2. Auflage

Taschenbuch März 2017
426 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-254-6


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Als sie noch ganz klein waren, verschwanden ihre Eltern. Laura und Lilly, zwei Schwestern, so unterschiedlich wie Feuer und Wasser, aber dennoch unzertrennlich, mussten, jede auf ihre eigene Art, mit dieser Tragödie fertig werden. Lilly konnte den Verlust nie ganz überwinden, während Laura ihre Gefühle erfolgreich verdrängte und selbstständig ihr Leben meisterte. Doch als Lilly eines Tages ebenfalls verschwindet, kann Laura nicht länger die Augen vor der Wahrheit verschließen. Gemeinsam mit ihrem Freund Chris begibt sie sich auf die Suche und findet sich plötzlich an einem Ort wieder, von dem sie nicht einmal zu träumen gewagt hat. Sie lernt eine Welt kennen, die voller ungewöhnlicher Kreaturen, Wunder und Gefahren ist. Den Elementen schutzlos ausgeliefert, steht ihnen eine Zeit voller Angst, Trauer und Wut bevor. Doch auch die Liebe kreuzt ihren Weg, welche hauptsächlich Glück und Freude, aber auch Leid mit sich bringt. Sei es, wie es sei, während sie gegen Dämonen ankämpfen müssen, innerliche wie äußerliche, wird ihnen eines mit bitterer Klarheit bewusst: Es gibt schlimmere Schicksale als den Tod.
Barock:

Ein Irrtum war ausgeschlossen, dafür konnte man sie zu deutlich erkennen. Zwei hell glühende Punkte, die wie aus dem Nichts kamen und aus der Dunkelheit deutlich herausstachen.
Augen, die sie ohne zu blinzeln anstarrten. Laura versuchte die Armbrust ruhig zu halten, doch es gelang ihr nicht.
Die Kreatur kam mit einem Satz aus ihrem Versteck hervor und hielt geifernd, mit gefletschten Zähnen, direkt auf sie zu.
Sie schoss auf den schwarzen Wolf, doch er wich dem Pfeil geschickt aus. Das Pferd begann zu bocken und aufgebracht zu wiehern.
»Chris los, verschwinde!« Während sie zurückwich, zog Laura ihre zwei Schwerter.
Der Wolf hatte sie schon fast erreicht, als plötzlich Samira, die sich von der Seite an ihn herangeschlichen hatte, zwischen den Bäumen hervorkam und sich auf ihn stürzte. Ein wilder Kampf begann. Das Knurren des Wolfes mischte sich mit dem Fauchen der Leopardin. Immer wieder gingen sie aufeinander los. Jeder versuchte, den anderen mit den Zähnen am Nacken zu erwischen. Es war so ein wirres Durcheinander, dass Laura nicht eingreifen konnte, ohne dabei Gefahr zu laufen, Samira zu verletzen. Die Leopardin stieß einen schmerzerfüllten Laut aus, als der Wolf sie am Hals packte. Sie wehrte sich wie wild, doch er hatte sie fest im Zahngriff.
»Oh Gott, Laura, er bringt sie um!«
Laura blieb keine Wahl. Allen Mut zusammennehmend, rannte sie auf Samira und den Wolf zu. Samira wurde vom Wolf gegen einen Baum geschleudert und blieb bewusstlos liegen. Von Adrenalin gepeitscht, griff Laura den Wolf an, doch jeder Hieb ging ins Leere. Könnte sie nur ihre Wut einsetzen und ihn in Flammen aufgehen lassen, doch irgendetwas blockierte ihre Gefühle. So kam es wie es kommen musste:
Das Tier überwältigte sie. Laura landete unsanft mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Als sie versuchte sich aufzurappeln, drückte der Wolf sie mit seinen Pranken nach unten. Seine Klauen bohrten sich dabei schmerzhaft in ihren Rücken. Laura biss die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien. Aus ihren Augenwinkeln sah sie, wie Chris auf sie zukam. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schrie: »Chris, bleib wo du bist!«
»Ja Chris, bleib wo du bist.« Die Stimme des Wolfes drang tief und unheilvoll in ihre Ohren.
Sein Grollen bereitete Laura eine Gänsehaut, doch erleichtert stellte sie fest, dass Chris ihrer Aufforderung folgte. Die Flügel provozierend von sich gestreckt blieb er stehen und ließ den Wolf keine Sekunde aus den Augen. Laura biss erneut die Zähne zusammen, als das Tier sich vorbeugte und sie dabei mit seinem Gewicht noch fester zu Boden drückte. Sie bekam kaum noch Luft. Er war größer als ein normaler Wolf und auch schwerer. Sein Atem streifte ihre Haut, als er seine Fratze ganz nahe an ihr Ohr brachte. Wieder sandte ihr seine Stimme unangenehme Schauer über den Rücken. »Hast du eine Ahnung, wer ich bin?«
Laura hatte es vom ersten Moment an gewusst. »Barock«, presste sie zwischen den Zähnen hervor, »du bist Barock.«
»Ah, du hast also von mir gehört? Wie kommt es dann, dass du so töricht bist mich anzugreifen?«
»Ich habe keine Angst vor dir.« Was eine gewaltige Lüge war.
»Ach nein?« Der Wolf sog langsam die Luft ein und knurrte: »Ich kann sie aber riechen. Ich liebe den Geruch von Angst. Dieser ganz besondere Duft, er ist so unglaublich berauschend.« Er schwieg einen Moment und ließ seine Worte wirken. »Es war ein Fehler von euch, meinen Wald zu betreten und für diesen Fehler werdet ihr bezahlen.« Er machte ein Geräusch, das sich wie ein höhnisches Lachen anhörte. Laura sah zu Chris und dann zu Samira, die immer noch reglos am Boden lag.
»Bitte«, sie rang verzweifelt nach Luft, »bitte lass uns gehen. Es war nicht unsere Absicht dich zu verärgern, wir wussten nicht, dass das dein Wald ist. Ich schwöre dir, wenn du uns ziehen lässt, werden wir ihn umgehend verlassen und kommen nicht wieder zurück.«
Barock ließ sich Zeit, bevor er sagte: »Ich kenne dich. Ich weiß, was du bist.«
Wieder sog er tief die Luft ein, so als würde er ihren Duft in sich aufnehmen. »Und ja, ich werde euch gehen lassen. Fürs erste. Jedoch nur um zu beobachten, wie du langsam in dein Verderben rennst. Ja, ich weiß um dein Schicksal, der Tod sucht bereits nach dir. Und wenn er dich gefunden hat, wenn die Würmer bereits ungeduldig nach deinem Fleisch gieren«,
Barock berührte mit seinen Zähnen Lauras Ohr, »dann werde ich da sein und es genießen dabei zuzusehen, wie du vergeblich nach Atem ringst und dein Blut stockt. Ich werde es sein, der dein Herz zum Stillstand bringt. Und dann gehörst du mir. Wenn dein Körper zerfällt, werde ich deinen Geist und deine Seele in mich aufnehmen und dann werde ich dir zeigen was passiert, wenn man so naiv ist zu glauben, man könnte mich zum Narren halten.«
Laura lag völlig regungslos da. Es lief ihr bei jedem seiner Atemzüge kalt den Rücken hinab.
»Mmhh, du riechst so gut.« Seine scharfen Zähne ritzten die Haut an ihrem Hals an. »Asche, Rauch und Feuer. Ja, es wird mir ein Vergnügen sein.«


Laura und Calvin:

Laura schnellte nach vorn. Nun war sie an der Reihe ihn zu bedrängen. Sie zwang ihn zurückzutreten bis zur Stelle, an der ihr zweites Schwert lag. Sie schnappte es sich, holte damit aus, und verpasste seinem Hemd einen Schnitt, der von einer Seite der Brust bis zur anderen reichte.
»Hey, das war mein Lieblingshemd!«
Laura achtete nicht darauf sondern griff weiter an, bis sie es schaffte ihn zu entwaffnen. Beide Schwerter auf seinen Hals gerichtet, drängte sie ihn zurück, bis zu einer nicht weit entfernten Holzbank, und zwang ihn sich hinzusetzen. Sie stand so dicht vor ihm, dass Calvin nicht mehr aufstehen konnte und sah siegessicher auf ihn hinunter.
»Ich schätze, das heißt dann wohl, dass ich gewinne.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher.« Laura spürte, wie sich etwas Hartes in ihren Rücken bohrte.
Als sie einen Blick über ihre Schulter warf, sah sie den Dolch in seiner Hand.
»Das ist unfair.«
»Tja, ich bin ja wohl nicht der einzige, der hier mit faulen Tricks arbeitet, oder?«
Mit einem amüsierten Ausdruck auf dem Gesicht ließ Laura die Schwerter auf den Boden fallen.
»Es muss wirklich schrecklich für dich sein, von einer Frau besiegt zu werden.«
Calvin ließ den Dolch sinken und sah schmunzelnd zu ihr auf. »Wenn du das sagst.«
Laura kniff die Augen zusammen. »Wage es ja nicht zu behaupten du hättest dich meinetwegen zurückgenommen.«
Sein Schmunzeln wurde zu einem breiten Grinsen.
»Das würde mir nicht im Traum einfallen.«
In diesem Moment fragte sich Laura, wie sie seine Augen jemals für kalt hatte halten können. Dieses ungewöhnlich dunkle Blau, sie hätte sich darin verlieren mögen. Sie befreite sich aus seinem Blick und begutachtete mit deutlicher Genugtuung sein nasses Haar und die kleinen Schweißperlen, die ihm über die Schläfe kullerten.
»Du kannst sagen was du willst: Dein Körper verrät dich.« Ohne weiter zu überlegen, legte sie eine Hand an seine Wange und wischte mit ihrem Daumen die Tropfen weg. Calvin erstarrte unter ihrer Berührung. Er war so angespannt, dass Laura die Muskeln an seinem Kiefer, zucken sehen konnte. Sie würde alles dafür geben um zu erfahren, was in diesem Augenblick in ihm vorging. Er hatte, seit er sie vor ein paar Tagen beinahe geküsst hätte, kein einziges Mal mehr einen Versuch in dieser Richtung unternommen. Sie wusste nicht, ob er sie nur hatte aufziehen wollen oder ob sie sich die Sache gar nur eingebildet hatte. Sie konnte nicht sagen was er wollte, sie konnte nur sagen, was sie selbst wollte.
Sie wollte ihn berühren, ihm nahe sein. Sie war verwirrt. Einerseits bereitete ihr seine Gegenwart Unbehagen, andererseits fühlte sie sich zu ihm hingezogen, und das bereits von Anfang an. Er machte ihr Angst und gab ihr zugleich das Gefühl von Sicherheit. War das normal? Sie wusste es nicht, sie wusste nur, dass seine Anziehungskraft im Moment stärker war als das Unbehagen, das er ihr bereitete, und dass sie sich im Moment mehr als sicher bei ihm fühlte.
Anstatt also ihre Hand wegzunehmen streichelte Laura mit ihren Fingern sanft über sein Gesicht. Da er sie nicht aufhielt, ging sie noch ein wenig weiter. Etwas unsicher beugte sie sich vor und küsste seine Stirn. Sie hielt kurz inne, um auf seine Reaktion zu warten. Er reagierte nicht darauf, wies sie allerdings auch nicht zurück, weshalb sie einfach alle Bedenken über Bord warf. Sie küsste erneut seine Stirn, dann seine Nase, streichelte mit ihren Lippen, zuerst seine rechte und dann seine linke Wange. Der leicht salzige Geschmack seiner Haut und sein wunderbar männlicher Duft hatten eine enorme Wirkung auf sie, weshalb sie schließlich nicht mehr länger warten konnte und ihren Mund auf seinen legte. Er fühlte sich genauso an, wie sie es sich vorgestellt hatte. Warm und weich bot er einen angenehmen Kontrast zu seinen kratzigen, von Bartstoppeln übersäten Wangen. Eine Weile verharrte sie so, ganz still, und genoss ihn einfach.
Als sie sich wieder von ihm löste, sah sie ihm verunsichert in die Augen. Sie war zu weit gegangen, eindeutig. Beschämt wollte sie sich abwenden, doch noch bevor es dazu kam, nahm er sie am Nacken und zog sie wieder an seine Lippen.
Der Kuss begann sanft, beide ließen sich Zeit, den Geschmack des Unbekannten und die Berührung zweier, sich in dieser Hinsicht, völlig fremder Menschen zu genießen. Irgendwann jedoch wurde es Calvin zu wenig, er wurde fordernder. Er legte seine Arme um sie und drückte sie an sich, weshalb sie sich auf die Bank knien musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Dabei küsste er sie mit einer Leidenschaft, die ihr schlichtweg den Atem raubte. Alles um sich herum vergessend vergrub sie ihre Hände in seinen Haaren und ließ sich rittlings auf seinem Schoß nieder. Begleitet von einem rauen Stöhnen packte er ihre Hüften und drängte sie gegen sich. Hatte sie je sein Interesse in Frage gestellt, so gab es jetzt keinen Zweifel mehr. Sie konnte es fühlen, sie konnte es sehen, riechen, hören und schmecken. Er berauschte ihre Sinne auf eine Weise, wie es noch kein Mann zuvor vermochte. Es war beinahe zu viel und dennoch wollte sie mehr.
Laura begann ungeduldig an Calvins Hemd zu zerren. Nur widerwillig ließ er zu, dass sie sich von seinen Lippen löste, um es ihm über den Kopf zu ziehen. Kaum war dies geschehen, nahm er sie am Hinterkopf und zog sie wieder an sich. Sein Kuss war hart, beinahe grob, so viel Verlangen steckte darin, ihre Körper drängten sich fest gegeneinander. Auch ihre Berührungen waren weder sanft noch zaghaft. Es war mehr als offensichtlich, dass sie keinen Gedanken daran verschwendeten, wo sie waren und es bestand auch kein Zweifel daran was geschehen wäre, hätten sie nicht plötzlich aus unmittelbarer Nähe eine Stimme gehört.
Wie von der Tarantel gestochen sprang Laura auf und taumelte ein paar Schritte zurück. Mit zitternden Händen berührte sie ihre Lippen. Sie war völlig durcheinander, Calvin dagegen schien die Ruhe in Person zu sein.

Keth Salvara:
Unten angelangt, musste Laura all ihren Mut zusammennehmen, um nicht sofort wieder umzudrehen. Die Mauern bewegten sich, sie stöhnten und ächzten so laut, dass man beinahe nichts anderes mehr hören konnte. Dennoch vernahm sie es erneut. Ein hohes Stimmchen, das sich beim Schreien überschlug und von einem verzweifelten Wimmern begleitet wurde. Laura wollte schon loslaufen, als irgendjemand sie grob am Arm packte.
»Wenn du nicht freiwillig mitkommst, zerre ich dich an den Haaren rauf, das schwöre ich!«, zischte ihr Calvin zornig ins Ohr.
Laura ignorierte ihn und suchte den dunklen Gang mit ihren Augen ab. »Da vorne!«
Sein Blick folgte ihrem ausgestreckten Arm und fand … ein kleines Mädchen.
Vielleicht drei Jahre alt, mit knallrotem Kopf und tränenüberströmten Wangen. Es stand da und schrie aus Leibeskräften.
»Wir müssen ihr helfen!« So schnell konnte Calvin gar nicht reagieren, hatte sich Laura auch schon losgerissen und rannte auf das Mädchen zu.
»Laura, nein!«
Irgendwo in den hinteren Gängen stürzte eine Wand ein. Das Grollen war ohrenbetäubend. Wild fluchend rannte Calvin hinter ihr her und musste mit ansehen, wie eine tosende Welle Salzwasser durch die Gänge brach und genau auf sie zu hielt.
Laura hatte das Mädchen erreicht und nahm es in den Arm. Sie wusste, dass es zu spät war wegzulaufen, also drehte sie den Wassermassen den Rücken zu und beugte sich schützend über das kleine Kind. Sie konnte spüren, wie Calvin sich hinter sie stellte und seine Arme fest um sie schlang, bevor die Welle sie mit voller Wucht erwischte.
Es war ein Gefühl als würden sie auf Beton aufschlagen, so enorm war der Druck, der sie mit sich riss. Obwohl der Aufprall ihr fast das Bewusstsein raubte, ließ Laura das Mädchen nicht los und auch Calvin hatte Laura immer noch fest im Griff. Mit jedem Meter, den sie von der Welle mitgerissen wurden, rechneten sie damit, gegen eine Wand zu prallen, was wohl ihr Ende bedeutet hätte. Es war schrecklich, nicht zu wissen, wo sie hingetrieben wurden. Sie bekamen kaum Luft, da sich ihre Nasen und Münder ständig mit Salzwasser füllten. Laura konnte das Mädchen verzweifelt japsend nach Luft ringen hören, zumindest war es noch am Leben und auch Calvins Keuchen drang in ihre Ohren, was trotz ihrer Lage etwas Erleichterung in ihr aufkommen ließ.
Sie konnte nicht sagen, wie weit sie schon mitgerissen wurden als sie hörte, wie vor ihnen irgendetwas einstürzte, als hätten die Wassermassen erneut eine Wand durchstoßen.
Für ein paar Sekunden befanden sie sich im freien Fall, bevor sie auf einem harten, felsigen Untergrund aufschlugen. Links und rechts von ihnen ging es steil bergab. Hätte Calvin Laura und die Kleine nicht festgehalten, wären sie mitsamt den Wassermassen in die Tiefe gestürzt. Mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnten, suchten sie nach Halt und begannen zu kriechen. Egal wohin, nur weg vom Wasser. Langsam tasteten sie sich vorwärts, bis sie schließlich nicht mehr nur Felsen, sondern noch etwas anderes unter ihren Fingern spürten. Moos.
Von Hoffnung getrieben krochen sie immer weiter, bis sich vor ihnen ein breiter Tunnel auftat, aus dem ihnen ein fahles grünes Licht entgegen schien. Lauras Beine zitterten wie Espenlaub, als sie versuchte aufzustehen, um dem Mädchen ebenfalls auf die Beine zu helfen.
»Seid ihr verletzt?« Calvin hatte sich schnaubend nach vorn gebeugt, die Hände gegen seine Oberschenkel gestemmt.
»Nein, ich denke nicht.« Laura wischte dem Mädchen die kurzen blonden Locken aus dem Gesicht und streichelte ihre Wange. Es sah so müde und abgemagert aus. »Tut dir irgendetwas weh?«
Schluchzend nickte die Kleine mit dem Kopf.
»Wo denn?«
Sie deutete auf ihre Knie, die ziemlich böse aufgeschürft waren.
»Keine Angst, das kriegen wir wieder hin.« Calvin kam näher und bückte sich zu dem Kind hinunter. »Wie heißt du denn, Kleines?«
Laura strich ihr sanft übers Haar. »Sie heißt Angel.«
Lächelnd beugte Calvin sich vor und stupste die Nase des Mädchens an.
»Na sieh mal einer an, was für ein schöner Name.« Er blickte zu Laura auf und runzelte die Stirn. »Woher weißt du, wie sie heißt?«
Laura sah betrübt auf das kleine Kind hinab. »Ich habe es in ihrer Erinnerung gesehen, oben im Kerker.«
Ihr Blick schweifte von dem Mädchen zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Man konnte noch immer das Tosen des Wassers hören. »Weißt du, wo wir hier sind?« Calvin schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe keine Ahnung, aber ich meine, wir sollten es schleunigst herausfinden.«
Er hob Angel in die Höhe und ging dicht gefolgt von Laura auf das Licht zu. Am anderen Ende des Tunnels angekommen, fanden sie den Ursprung dafür und rissen überwältigt die Augen auf. Mit einem Mal hörte Angel auf zu schluchzen und streckte ihre kleinen Finger aus. Man konnte es nicht beschreiben, es war mehr oder weniger eine Landschaft, nur unter der Erde. Sie war durchzogen von einem dunstig-silbrigen Nebelschleier. Spitz nach oben ragende Steinsäulen, die aus dem Boden wuchsen, erinnerten an eine Grotte. Eine Grotte ohne Wände, die sich endlos vor ihnen ausbreitete. Einzig die hohe Decke, bestehend aus fester dunkler Erde, gab einem das beklemmende Gefühl, gefangen zu sein.
Als Calvin Laura bedeutete weiterzugehen, richtete sich seine ganze Aufmerksamkeit auf die riesigen Wurzeln, die die Decke fest zusammenhielten. Sie reichten an manchen Stellen bis zum Boden hinab und wickelten sich um die Steinsäulen, als wollten sie sie am Emporsteigen hindern. Daraus entstanden wunderschöne Muster, die nur die Natur schaffen konnte, so komplex waren sie.
Doch war das bei Weitem nicht alles, was diesem Ort eine sonderbar-geheimnisvolle Atmosphäre verlieh. Obwohl von nirgendwo Tageslicht hereindrang, war es ungewöhnlich hell. Der helle Schimmer, der vom moosbedeckten Boden grün reflektiert wurde, kam zu Calvins und Lauras Erstaunen direkt aus den Wurzeln, was irgendwie unheimlich war. Angel allerdings konnte das keine Angst machen. Sie war völlig gebannt von den kleinen Lichtpunkten, die mal langsam und dann wieder schnell durch die Lüfte sausten, fast wie Glühwürmchen, nur größer und lebendiger.
»Wo sind wir hier bloß?« Laura verspürte ein leichtes Unbehagen, hervorgerufen durch den Nebel und die Stille, obwohl sie, auf der anderen Seite wiederum, fasziniert war von dem schaurig-schönen Anblick.
»Ich schätze, wir befinden uns im Nachtwald. Oder besser gesagt unter ihm.« Calvin setzte Angel auf einem Wurzelstamm ab und streifte mit seinen Händen an der Rinde entlang. »Er ist so voller Leben.«
»Was meinst du?« Laura kam nun ebenfalls dazu und strich über die raue Oberfläche.
»Ich meine, dass diese Wurzeln hier eigentlich schwarz und verdorrt sein müssten, genau wie die Bäume an der Oberfläche. Aber sie sind es nicht. Khorus hat es also doch nicht geschafft, diesen Wald zu zerstören. Sein Blut pulsiert«, Calvin hielt sein Ohr an die Wurzel, »und sein Herz schlägt noch.«


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