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Peter Güthing
Iaido - Traditionelle japanische Schwertkunst Band 2
Tradition, Schwert und Ausrüstung, kulturelle und technische Grundlagen

Taschenbuch Dezember 2013
288 Seiten | ca. 21,0 x 29,7 cm
ISBN: 978-3-86468-605-4


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Die todesmutige Entschlossenheit der japanischen Samurai-Krieger, die unvergleichliche Schärfe ihrer Schwerter und die Perfektion ihrer Fechtkunst sind berühmt und haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Musō Jikiden Eishin Ryū ist eine traditionelle Schule der japanischen Schwertkunst Iaidō, der Kunst, einen Kampf bereits mit dem blitzschnellen Ziehen des Schwertes zu entscheiden. Sie reicht in rund 450-jähriger Überlieferung zurück bis in die Zeit der Samurai. Damit gehört die Eishin Ryū zu den ältesten Kampfkünsten Japans, die heute noch geübt werden.

In diesem Buch werden die Tradition, die technischen und kulturellen Grundlagen sowie umfangreiche Hintergrundinformationen zum ersten Mal in deutscher Sprache dargestellt. Es ist der zweite Band einer mehrteiligen Einführung in das traditionelle Eishin Ryū Iaidō, die sich nicht nur an Iaidō-Übende wendet, sondern an alle, die sich für die alte Schwertkunst der Samurai interessieren.
IAIDŌ, der Weg des Schwertes, hat seinen Ursprung in der Schwertkunst der Samurai. Der Name setzt sich zusammen aus den Silben
I anwesend sein, körperlich wie geistig,
AI passen, übereinstimmen, Harmonie und
DŌ Weg oder philosophisches Prinzip.
Übersetzt bedeutet das soviel wie
der Weg, in jedem Augenblick voll präsent zu sein
oder
der Weg, jeder Situation zu entsprechen.
Diese Schwertkunst lehrt den Umgang mit dem japanischen Schwert und wurde in Japan von den Schwertmeistern der Samurai als Verteidigung gegen Überraschungsangriffe entwickelt. Iaidō gehört damit zu den traditionellen japanischen Kampfkünsten der Samurai, die historisch Bugei genannt wurden. Dazu zählten u. a. Fertigkeiten mit dem Schwert (Iaijutsu, Kenjutsu), dem Speer (Sōjutsu), der Schwertlanze (Naginatajutsu), dem Bogen (Kyūjutsu), im unbewaffneten Kampf (Kumiuchi, Yawara), im Kampf im Sattel (Bajutsu) und im Wasser (Suieijutsu), sowie Festungsbau und Strategie. Unter dem Oberbegriff Bugei subsumieren sich heutzutage zwei weitere Begriffe: Bujutsu und Budō. Im Allgemeinen werden japanische Kampfkünste, die sich überwiegend mit der technischen Kriegsfertigkeit beschäftigen, mit dem Suffix -jutsu (Kunst, Fertigkeit) bezeichnet und Kampfkünste, die den Aspekt der Charakter- und Persönlichkeitsbildung in den Vordergrund stellen, mit -dō (Weg). Budō sollte aber keinesfalls als esoterische Gymnastikübung ohne Praxisbezug missverstanden werden.
Die todesmutige Entschlossenheit der Samurai, die unvergleichliche Schärfe ihrer Schwerter und die Perfektion ihrer Fechtkunst sind berühmt und bieten auch heute noch Stoff für zahlreiche Geschichten und Legenden. Das im Westen weitverbreitete Bild der Samurai sieht diese japanische Kriegerelite als festgefügte Kaste furchtloser, beinahe grausamer Kämpfer in prächtigen Rüstungen, die nach ihrem strengen Ehrenkodex Bushidō (wörtl. „der Weg des Kriegers“) lebten, ihren Herren bis in den Tod blind ergeben waren und todessehnsüchtig lieber den Freitod wählten als zurückzuweichen. Neueste Forschungen zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild dieser legendären Krieger abseits von Mythos und Verklärung. Darauf wird in diesem Buch noch an verschiedenen Stellen genauer eingegangen. Der Ursprung des Wortes „Samurai“ liegt im alten Japan vor der Heian-Zeit (784-1185); es bedeutet „Diener“ oder „Begleiter“. So wurden Bedienstete der mächtigen Clanführer (Gokenin, wörtl. „ehrenwerte Hausbesitzer“) bezeichnet, und der Kriegsadel nannte sich selbst Buke oder Bushi (Krieger). In der Heian- und Kamakura-Zeit (1185-1332) waren die Samurai die Soldaten, die als kaiserliche Palastwachen eingesetzt waren oder ihren Herren als Truppen in die Schlacht folgten. Als allgemeine Bezeichnung für die Angehörigen der militärischen und sozialen Elite wurde Samurai erst ab der Schwelle zum 17. Jahrhundert verwendet. In der Edo-Zeit (1600-1868) standen die Samurai als eigenständige Kriegerkaste (Shi) an der Spitze des Feudalsystems (Shi-Nō-Kō-Shō) und es gab eine strenge Hierarchie vom Shōgun (wörtl. „Barbaren vertreibender Feldherr“, De-facto-Herrscher über Japan) und den mächtigen Daimyō (Feudalfürsten) über die Hatamoto (wörtl. „Bannerträger“, direkte Vasallen des Shōgun) bis hin zu einfachen Jizamurai (Landsamurai) und Ashigaru (Fußsoldaten). Die Kaste der Samurai war also sehr vielschichtig und entstand als solche erst relativ spät in der japanischen Geschichte vor rund 400 Jahren.
Das japanische Langschwert (Katana) war seit jeher nicht nur eine perfekte Waffe, sondern auch Kunstobjekt und verehrter Kultgegenstand. Das Schwert galt als „Seele“ des Samurai, und der perfekte Umgang damit war überlebenswichtig. Die Ursprünge der Schwertkampfkunst in Japan reichen zurück bis in die Heian-Zeit (784-1185), an deren Ende das gekrümmte einschneidige japanische Schwert (Nihontō) entstand. Das Schwert dieser und der nachfolgenden geschichtlichen Epoche war das Tachi, ein langes, stark gekrümmtes Kavallerieschwert, das am Gürtel hängend getragen wurde. Das Tachi war vergleichsweise lang und leicht, um dem berittenen Krieger einhändige Schnitte aus dem Sattel zu ermöglichen. Es war neben der Hauptwaffe, dem Bogen oder der Lanze, eher die Sekundärwaffe für den Nahkampf. Bis in die Kamakura-Zeit (1185-1332) liefen Gefechte meist als Scharmützel zwischen kleineren Einheiten berittener Bogenschützen auf größere Distanzen ab, und der Nahkampf folgte mehr oder weniger festen Regeln und Bräuchen. Kenjutsu, der Kampf mit dem blank gezogenen Schwert, gehörte zur Grundausbildung der Krieger.
Die Änderung der Kampfweise vom Kavallerie- zum Infanterieeinsatz in den Bürgerkriegen der Sengoku-Periode („streitende Reiche“, 1477-1573) am Ende der Muromachi-Zeit (1333-1573) führte zur Entwicklung des neuen, kürzeren Uchigatana, später Katana genannt, welches im Gürtel steckend getragen wurde. Auch hier war das Schwert im Gefecht die Nahkampfwaffe, neben Bogen und Arkebuse (Tanegashima, Teppō). Die Schlachten wurden durch den Masseneinsatz geschlossener Infanterieverbände mit Lanzen (Yari), Bogenschützen und vergleichsweise modernen Feuerwaffen entschieden. Nahkämpfe fanden in Rüstung mit blank gezogenem Schwert statt. Die Schwertschulen dieser Zeit konzentrierten daher ihre Techniken vor allem auf das Treffen der von der Rüstung nicht geschützten Körperteile. Am Ende dieser kriegerischen Zeit ständiger Überfälle und Kämpfe entstand neben der Kampfweise mit dem gezogenen Schwert – Kenjutsu (heute weiterentwickelt zum sportlichen Kendō) – ein neues Schwertkampfsystem – Iaijutsu, bzw. Battō Jutsu. Es ermöglichte dem Samurai, mit einem entschlossenen Schnitt bereits im Ziehen seines Schwertes den Kampf für sich zu entscheiden, und legte den Grundstein des heutigen Iaidō.
In der historischen Erforschung des Iaidō ist festzustellen, dass Namen und Daten in verschiedenen Quellen teilweise sehr unterschiedlich angegeben werden und ein Großteil der Geschichte auf Annahmen und Vermutungen basiert oder vom Streit um die Authentizität der Übermittlung geprägt ist. Hier soll versucht werden, ein möglichst neutrales Bild aus den zur Verfügung stehenden Quellen zu zeichnen.
Musō Jikiden Eishin Ryū (unvergleichliche, direkt überlieferte Schule des Eishin), kurz Eishin Ryū oder MJER, geht der Überlieferung nach in direkter Linie auf die Lehren des Iai-Günders Hayashizaki Jinsuke zurück und ist damit die zweitälteste Kampfkunst Japans, die noch heute praktiziert wird. Eishin Ryū ist ein kompromissloser und sehr anspruchsvoller Stil, der sich seine Tradition und Eigenständigkeit durch die Jahrhunderte hindurch bis heute bewahrt hat. Er gehört zu den „alten Schulen“ (Koryū) und beansprucht eine direkte und ununterbrochene Linie der Übermittlung vom Lehrer auf den Schüler, angefangen von Hayashizaki Shigenobu bis zum heutigen Tag. Wie viele andere Koryū führt auch die MJER die traditionelle Bezeichnung Iai Heihō (Iai-Strategie/-System), die sie als geschlossenes Kampf- und Strategiesystem ausweist. Neben der Schwertkunst enthielt die MJER früher auch Techniken für andere Waffen und den waffenlosen Kampf. Die Leitung der Ryū wurde immer vom Oberhaupt (Sōke) an seinen Nachfolger weitergegeben. Daneben wurden Lehrberechtigungen, sog. Kongen no Maki (in anderen Kampfkünsten Menkyo Kaiden genannt), an die Schüler vergeben, die alle Geheimnisse des Stiles gemeistert hatten und fortan mit offizieller Erlaubnis unterrichten durften. Dadurch spalteten sich im Laufe der Jahrhunderte wegen ungeklärter Nachfolgefragen mehrmals Seitenlinien ab, wodurch sich die Geschichte der Musō Jikiden Eishin Ryū heute nicht mehr exakt rekonstruieren lässt. Es ist auch zu vermuten, dass die Benennung der Sōke, wie sie heute vorgenommen wird, in der Geschichte nicht stringent verlief und teilweise erst Generationen später erfolgte. Dies zeigen Hinweise, wonach mancher Sōke sich zu Lebzeiten nicht als solchen bezeichnete. Nach der Gründung seiner Schule, etwa um 1590, unterrichtete Hayashizaki Shigenobu seinen Familienclan sowie eine Vielzahl von fähigen Schwertmeistern, wie Katayama Hōki no Kami Fuji-wara no Hisayasu (Gründer der Katayama Hōki Ryū), Sekiguchi Hachirōemon Jushin (Gründer der Sekiguchi Ryū), Takamatsu Nobukatsu (Gründer der Ichinomiya Ryū) und seinen späteren Nachfolger.

Zusammenfassung der Geschichte der Musō Jikiden Eishin Ryū
Angesichts der vielen in diesem Kapitel genannten Daten und Fakten stellt sich die Frage, was sich ein Iaidōka ohne historische Spezialinteressen über die Geschichte seiner Kampfkunst merken sollte? Daher sind hier die wichtigsten Informationen noch einmal zusammengefasst:
Azuchi-Momoyama-Zeit (1573-1600): Der Samurai Hayashizaki Jinsuke Minamoto no Shigenobu (1542-1621) entwickelte aus Techniken älterer Schwertschulen die Idee des Ziehens des Schwertes und Schneiden in einer fließenden Bewegung (Iaijutsu, Battō Jutsu) und nannte seinen Stil Shinmei Musō Ryū. Damit machte er als erster Iai zum zentralen Element einer Schwertschule. Die nachfolgenden Generationen nannten den Stil nach dem Gründer Hayashizaki Ryū.
Edo-Zeit (1600-1868): Der siebte Sōke Hasegawa Eishin Hidenobu führte im 17. Jahrhundert Änderungen im Stil ein und passte die Techniken an das kürzere Katana an. Der Stil wurde nunmehr als Hasegawa Eishin Ryū bekannt. Sein Schüler Ōmori Rokurōzaemon Masamitsu schuf die Ōmori Ryū, die Kata aus Seiza und die Etikette der Ogasawara Ryū verband. Diese Kata wurden in die Eishin Ryū integriert. Unter dem Einfluss der Hayashi-Familie verbreitete sich die Ryū rasch unter den Kriegern der Provinz Tosa und wurde daher auch Tosa Iaijutsu genannt. In der langen Friedenszeit des Tokugawa-Shōgunats entwickelte sich das Iaijutsu unter dem Einfluss des Zen-Buddhismus zu einer Schwertkunst, die zunehmend die Persönlichkeits- und Charakterschulung im Sinne des Budō in den Vordergrund rückte. Im 19. Jahrhundert spaltete sich der Stil in die Zweige Tanimura Ha und Shimomura Ha.
Meiji-Zeit (1868-1912): Durch die Auflösung des Samurai-Standes im Haitōrei-Erlass von 1876 im Zuge der Meiji-Reform und den technologischen Fortschritt waren traditionelle Kampfkünste obsolet geworden und passten nicht mehr in einen modernen Staat. Die Schwertkünste wurden vor allem als körperertüchtigendes Kendō geübt. Die Entwicklung des Iaijutsu zum Iaidō als spirituelle Kunst schritt rasch voran. Die Eishin Ryū wurde durch den 17. Sōke Ōe Masamichi grundlegend umgestaltet.
Taishō-Zeit (1912-1926): Ōe Sōke schloss die Modernisierung der Eishin Ryū ab und ordnete die Kata nach didaktischen Gesichtspunkten neu in Shoden (Grundstufe) – Chūden (Mittelstufe) – Okuden (geheime Stufe). Er reduzierte die Techniken auf das Curriculum, wie wir es heute im Wesentlichen kennen, und schuf neue Kata-Gruppen sowie formelle Partnerübungen. Er wählte den bereits bestehenden Namen Musō Jikiden Eishin Ryū als formelle Bezeichnung des Stils.
Shōwa-Zeit (1926-1989): Nach dem Tod Ōe Sokes spaltete sich die Eishin Ryū 1927 erneut aufgrund von Nachfolgestreitigkeiten in die Zweige Hogiyama Ha, Yamauchi Ha und Masaoka Ha, die nach den führenden Schülern Ōe Sokes benannt wurden. Während der Kriege Japans in Südostasien wurden die Techniken der Eishin Ryū teilweise militarisiert, zur Anwendung durch die Schwertträger der kaiserlichen Armee auf dem Schlachtfeld. Dazu schuf 1939 der spätere 20. Sōke der Hogiyama Ha, Kōno Hyakuren, die Übungen der Battō Hō no Bu. Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte erneut eine Zäsur in der Schwertkunst, ähnlich dem Haitōrei-Erlass, und alle Kampfkünste wurden zunächst durch die amerikanische Besatzungsmacht verboten. Erst ab 1952 durfte die Eishin Ryū wieder geübt werden, unter der Voraussetzung der äußeren Wandlung von einer Kriegskunst zur vordergründig sportlichen Bewegungs- und Charakterschule, dem Iaidō. Damit war der lange Weg der Eishin Ryū vom Iaijutsu zum Iaidō, welcher im 18. Jahrhundert begonnen hatte, vollendet.
Heisei-Zeit (seit 1989): Die Musō Jikiden Eishin Ryū Hogiyama Ha wird seit 13. Mai 2012 vom 23. Sōke Fukui Masato, Sohn des 21. Sōke Fukui Seizan Torao, geleitet. Der 22. Sōke Ikeda Seiko Takashi ist noch der Präsident des Zen Nihon Iaidō Renmei. Die größten internationalen Verbände, die MJER auch in Deutschland lehren, sind der Seitōkai im Rahmen des ZNIR, der Kokusai Renmei, die IMAF und der Komei Jukyu (Yamaoka Ha). Die Unterrichtung unterscheidet sich dabei in einigen Details der Kata und Techniken. Darüber hinaus gibt es noch weitere Verbände, in denen MJER trainiert wird. Die größte Verbreitung erfährt Iaidō in Deutschland jedoch durch die modernen Seitei-Kata im Rahmen des Zen Nihon Kendō Renmei.

Die korrekte Verbeugung
Die heutigen Umgangsformen im Iaidō sind geprägt durch die jahrhundertealte Tradition der Etikette-Schule der Ogasawara Ryū. Die japanische Gesellschaft ist hierarchisch strukturiert und jeder Mensch hat offensichtlich seinen festen Platz, der abhängig ist von Alter, Erfahrung, Geschlecht, Rang und Zugehörigkeit zu einer Organisation. Die Höflichkeitsformen dienen u. a. dazu, Harmonie und Ordnung aufrecht zu erhalten. Wer von den Regeln abweicht, erleidet einen Gesichtsverlust und stört den bestehenden Einklang und Frieden. Verbeugen ist dabei ein wesentliches Element des japanischen Alltags. Während im Westen die Verbeugung oft als ein Zeichen von Unterwürfigkeit interpretiert wird, drückt sie in Japan Respekt und persönliche Bescheidenheit aus und wird als Gruß oder Ausdruck von Dankbarkeit verstanden.
Die verschiedenen Formen des Verbeugens bilden ein über Jahrhunderte gewachsenes System, das festlegt, ob in einer bestimmten Situation nur der Blick gesenkt oder der Kopf geneigt oder der ganze Oberkörper mehrfach gebeugt wird. Dabei spielen der Winkel der Verbeugung und die Dauer des Innehaltens am tiefsten Punkt neben der Eleganz der Bewegungsausführung die wichtigste Rolle. Höflichkeit wird also nicht nur durch Sprache vermittelt, sondern auch durch Gesten kommuniziert, und Japaner unterscheiden dabei sehr wohl Höflichkeit von Unterwerfung. Die betreffenden Regeln gehen über 800 Jahre zurück und haben ihre Wurzeln in einem am Konfuzianismus orientierten Werk der Kamakura-Zeit.
Während der Kamakura-Zeit lebte der aus dem Minamoto Clan stammende Ogasawara Nagakiyo, dessen Vater sich hohe Verdienste im Kampf erworben hatte. Nagakiyo gründete die Ogasawara Ryū, die sich zunächst mit der Ausbildung der Kampfkünste Kyūjutsu (Bogenschießen), Bajutsu (Kämpfen zu Pferd) und Yabusame (Bogenschießen vom Pferd) befasste. Ein besonderer Bedarf nach Etikette bestand für die Krieger während der Kamakura-Zeit nicht, denn im Vordergrund standen die fortgesetzten Kämpfe um die Vorherrschaft. Japan war damals ein unübersichtlicher Flickenteppich aus Herrschaftsgebieten einzelner Fürsten und Familien, die permanent im Krieg miteinander lagen. Ein Nachfahre von Nagakiyo war Ogasawara Sadamune (1292-1347). Er wurde vom Shōgun damit beauftragt, eine Etikette für das Verhalten bei Hofe zu entwickeln, und damit erhielt die Ogasawara-Schule einen offiziellen Charakter. Wegen seiner besonderen militärischen Verdienste erklärte der Shōgun die von den Ogasawara entwickelten Formen der Etikette, der Höflichkeit und des allgemeinen Umgangs zum Verhaltenskodex der Krieger. Da Sadamune Zen praktizierte, gelangten auch hiervon Einflüsse in sein Regelwerk. Drei Generationen später, um 1380, hielt Ogasawara Nagahide die Grundlagen der verschiedenen Kampfkünste der Ogasawara Ryū schriftlich fest. Dieses Sangi Itto genannte Werk enthielt auch die sieben Bände der Ogasawara-Etikette. Sie wurden die Eckpfeiler aller japanischen Kampfkünste in Fragen der Formen, Höflichkeit und Etikette. Über die Jahrhunderte erlebte die Ogasawara Ryū viele Höhen und Tiefen; sie konnte aber alle Kriege überstehen und existiert noch heute. Obwohl die Zielgruppe der Ogasawara Ryū zunächst nur die Krieger waren, übernahm auch die allgemeine Bevölkerung im Laufe der Zeit immer mehr von den Vorschriften der Etikette-Schule. Das Gesamtwerk gab nicht nur technische Anweisungen für die Ausbildung zum militärischen Reiter oder Bogenschützen, sondern regelte eben auch das Verhalten in vielen Lebensbereichen. Dabei gewinnt die Beschreibung der angemessenen Verbeugungen ein großes Gewicht. Aber auch das richtige Benehmen an Feiertagen, bei Beerdigungen oder Hochzeiten, das Falten der Kleider, Tischsitten und das Verpacken von Geschenken werden hier im Detail geregelt, ebenso wie das korrekte Öffnen einer Schiebetüre und der Knielauf beim folgenden Betreten des Raumes. Beschrieben werden auch der Bau von Möbeln und ihre Anordnung in einem Zimmer und das Verfassen einer Grußkarte mit den angemessenen Höflichkeitsformeln. Die Ausführungen der Ogasawara-Etikette zur Sitzordnung werden heute noch bei Meetings in japanischen Konzernen und auch bei Besprechungen in kleineren Arbeitsgruppen berücksichtigt: wo sitzt der Chef, wo sein engster Vertrauter, wenn der Tisch rund oder eckig ist? Hiernach richten sich auch die Gepflogenheiten in Iaidō- und anderen Budō-Dōjō, etwa der Ort, wo der Sensei sitzt, wo die Trainierenden angrüßen und wo der Ahnenschrein steht. Der Kodex hat also heute noch Bestand, und viele Regeln des japanischen Alltags, die uns im Westen so fremd und exotisch erscheinen, haben ihren Ursprung in der Etikettenanweisung der Ogasawara Ryū.

Entwicklung des Budō
Der Begriff „Budō“ ist in Japan schon sehr alt. Er wurde zunächst als Bezeichnung für den Verhaltenskodex der Krieger-Klasse (Bushi), ähnlich wie später „Bushidō“, gebraucht und bezog sich nicht auf die Bugei bzw. Bujutsu genannten Kriegskünste. Bushidō ist jener Verhaltens- und Ehrenkodex der Samurai, der den moralischen Rahmen im täglichen Leben der Krieger in der japanischen Feudalgesellschaft prägte und an der Schwelle zum 20. Jahrhundert insbesondere durch das gleichnamige Buch von Nitobe Inazō international bekannt wurde. Erst in der späten Edo-Zeit wurde der Begriff Budō zur Bezeichnung der japanischen Kampfkünste verwendet. Heute versucht man oft, das Kanji „bu“ (武) im Sinn einer modernen Gewaltprävention zu interpretieren und zerlegt dazu das Zeichen in die Komponenten „tomeru“ (stoppen) und „hoko“ (Hellebarde), wodurch die Bedeutung „die Hellebarde stoppen“ oder „eine Waffe anhalten“, also „Frieden“ entstehen soll, die natürlich gut zum heutigen Verständnis der Kampfkunst als friedlicher Charakterschulung passt. Sprachwissenschaftlich sind solche Zeichendeutungen nach dem Augenschein, selbst wenn sie von Japanern und Chinesen angestellt werden oder eine lange Überlieferung hinter sich haben, fast immer unhaltbar. Nur die allerwenigsten chinesischen Schriftzeichen sind simple Bilder, und grundsätzlich gilt es zu bedenken, dass Wörter und ihre Bedeutungen ungleich älter sind als das Schreibsystem. Historisch besteht das Kanji „bu“ wahrscheinlich aus den Komponenten „ashi“ (Fuß) und „hoko“ (Hellebarde); wenn es überhaupt als Bildkomposition gedacht ist, wäre die Bedeutung also „mit Waffen vorrücken“, oder schlicht „Krieg“. Die Wörter, die mit diesem chinesischen Zeichen geschrieben werden, hatten die ganze japanische Sprachgeschichte hindurch mit Krieg, Militärwesen und Tapferkeit zu tun, und diesem Verständnis folgt auch das vorliegende Buch. Natürlich unterliegt Budō, der „Weg des Krieges“, seit Generationen einer ständigen Wandlung, da die äußeren Rahmenbedingungen nicht konstant sind und die Kampfkünste ganz unvermeidlich von gesellschaftlichen und politischen Strömungen beeinflusst werden.

verfasst von Conrad Krauss am 13.02.2014:BewertungssternchenBewertungssternchenBewertungssternchenBewertungssternchenBewertungssternchen
Ein wundervolles Nachschlagewerk zum Vor- und Nachbereiten eines trainierenden Iaidoka und zur Wissenserweiterung. Auch der Geist muss trainiert werden...
Als einer der Schüler des Autors kann ich auch direkt vom detaillierten Wissen profitieren und jedem Interessierten den Kauf des Werkes mit ruhigem Gewissen empfehlen.

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