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Bernd Reiche
Bevor ich es vergesse ...
1941 - 2002 Episoden aus dem Leben eines Südthüringers

Taschenbuch November 2012
504 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-86468-318-3


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Bernd Reiche, Jahrgang 1941, der Autor des neu erschienenen Episodenbuches „Bevor ich es vergesse“, ist ein echtes Meininger „Kind“. In einem bunten, unterhaltsamen Mix erzählt er in seinem bei edition winterwork erschienenen Buch mal humorvoll, mal ernst Begebenheiten aus seinem Leben, beginnend bei der Kindheit in den letzten Kriegsjahren und gefolgt von der Zeit danach. Bernd Reiche berichtet über die derben Jugendstreiche einer bunt zusammengewürfelten Kinderclique in seinem damaligen Wohnumfeld. Er schildert in lockerem Stil Alltagserlebnisse aus seiner südthüringischen Heimatstadt Meiningen im Laufe der Zeiten und beleuchtet die schöne Zeit der Jugendliebe zum anderen Geschlecht.
Das Buch trägt neben sehr unterhaltsamen Aspekten auch in Teilen gewissermaßen die Züge eines Zeitspiegels für die Stadt Meiningen und das Leben in der DDR.
Bernd Reiche erzählt Kurioses und Ernstes aus seinen Berufsjahren, schildert Erlebnisse aus seiner langen Zeit als nebenberuflicher Tanzmusiker und gewährt vorwiegend heitere Einblicke in seine Militärdienstzeit bei der NVA-Volksmarine und den Landstreitkräften der DDR. Hin und wieder äußert er auch kritische Gedanken aus persönlicher Sicht und aus eigenem Erlebtem auf politische Ereignisse zwischen 1945 und 2002.
Inhaltsverzeichnis

Prolog, ein Blick zurück ………………………………. 1

Bombenstimmung, ein Vater überlebt Russland, kommt
nach Hause, stirbt und löst sich in Luft auf …………… 7

Von Amis, Mongolen und Schwarzhändlern, wie sich
ein Fahrrad in Kartoffeln verwandelte und wie ich eine
Lokomotive fand ……………………………………… 29

Halbwüchsige Schmuggler, eine Hexe mit Tropenkoller,
der Krieg ist aus – es lebe der Krieg ………….............. 46

Von Höhlenforschern mit kotierten Signallampen, einem
doppelt gefoppten Heimtücker und Karussellrowdys … 72

Vom Petting im Stimmbruch, Lehrjahre mit Knalleffekt,
Herz-Schmerz Erfahrungen mit einem Karbolmäuschen
und der Wechsel vom Flügelrad zum Anker …….......... 96

Von zeitweise feminin abstinent gehaltenen Matrosen,
vom Stralsunder „Tittenkeller“, von derben Marineritu-
alen und von den Pflichten und der Liebe der Matrosen 143

Als Volksmarinist während des Berliner Mauerbaus zur
Aktmalerei nach Heiligendamm abkommandiert, Ur-
laubsbekanntschaft mit einer judoerfahrenen Thüringer
„Wildkatze“ …………………………………………… 224

Maritime Nachtmahle, der Stiefel im Vanillepudding .. 233

Von dem schweren Wiedereinstieg ins Berufsleben,
von „Gierschlucks“, Arbeitszeitverschleppern und Aus-
flügen mit einem „Gaulleiter“ ……………………….. 255

Vom schönen aber unfairen Spiel auf zwei „Klavieren“,
von zwei aufregend erotischen Mädchen und von mei-
nem letzten Willen: eine mit Brille .………………… 271

NVA-Reserverüpel: Nanu, feldgrau statt marineblau,
mit der Kalaschnikow zum Zapfhahn und mein ganz persönlicher zweifelhafter Sterne-Weg ……………. 304

Meine Zweitliebe die Tanzmusik: Fremdgehen mit
der Bassgitarre ……………………………………… 329

Die Angst vor dem Kinderwagen, „Fangeisen“ aus
Gold, meine schlimmen Beziehungstests, leider stein-
reich ………………………………………………… 354

Vom Poltern mit nachfolgenden üblen Magenproble-
men, von Schwiegermamas Hochzeitskleiderordnungs-
reglemen tierung, von Abzocke w ä hrend der Hoch-
zeitsreise zu unserem Besten und von der Liebe auf
Rädern …………........................................................ 361

Ich bekomme Bauchschmerzen, Annette ein Kind und
wir beide einen Sohn ………………………………. 376

Von den Problemen zwischen alt und jung und vom
Leben und Sterben …………………………………. 379

Zwei Neuerscheinungen: Juliane und der Schulden-
berg Trabant, ein großzügiger Versicherungskassierer, Automechaniker und Textilgestalter wider Willen, Til-
gungsweltmeister mit Nackenschmerzen …………… 387

Von Problemmusikanten, staatsgefährdenden Kapellen-revoluzzern, einem geplatzten Auslandsgastspiel und
einer erfolgreichen Bandneugründung………………. 405

Von „kulturpolitischen“ Erfahrungen und Erlebnissen:
Das „Schrittmaß der 80er Jahre“ und die fleißige „Ar-
beit“ eines Stasi-Spitzels in Schlüsselposition, ein so- zialistischer Ba u e r n m a r k t mit Bonzenschelte, zum
Staatsfeind erklärt und aus dem Job herausgemobbt .. 414

Thank you for the music: Von einem Blut schwitzenden
Bassgitarristen, einer lädierten Nase, einem gefallenen Mädchen und dem Ende einer musikalischen Erfolgsstory 433


Grenzfälle: Als Ostexot unter BRD - Vereinsmeiern,
die Revolution in der Provinz, ein neuer Westwagen
mit Ostzulassung, ein Ossi bringt einen „Wessi“- Staatssekretär in Er klärungsnöte, Gedanken zum An-schlussprocedere …………………………………… 448

Vom beruflichen Neuanfang, von „Taigatoiletten“ und
einem Birkenwäldchen auf Meininger Kasernenfluren,
von einem lebensrettenden Kästchen mit Musikelek-
tronik, einem Atheisten in Kirchendiensten und von
politischen Erfahrungen mit westlicher Parteiendemo-
kratie ……………………………………………….. 469

In aller Kürze: Ausblick, Hoffnungen ………............ 481

Epilog, Fazit ………………………………………… 483

Nachwort von Annette Reiche ……………………… 487

Bildseiten mit Familienfotos ……………………. 489 –496

Leseproben
S. 20
Der Bombenabwurf soll nach einem Zeitungsbericht am 5. April 1945, einem Donnerstag, etwa gegen 8 Uhr morgens stattgefunden haben. Musste meine Schwester an diesem Tag nicht ihrer Arbeit im Gustloffwerk Suhl-Heinrichs nachgehen?
Doch nun wieder zurück zu dem schrecklichen Ereignis in der unmittelbaren Nachbarschaft unserer Wohnung in der Kreuzstraße
und meinen Eindrücken von den Geschehnissen.
Inmeinen Erinnerungen habe ich folgendes Bild nach dem Fliegerangriff noch heute vor meinen Augen: Es sah aus, als hätte esleicht geschneit. Alles in der näheren Umgebung war mit einer feinen hellen Schicht überzogen. Der herabrieselnde Kalkstaub und die Asche der bombardierten brennenden Häuser hatten diesen gespenstisch anmutenden Anblick verursacht. Unsere Wohnung befand sich in einem der Sechsfamilienhäuser der bereits schon von mir beschriebenen Eisenbahner-Wohnanlage in der Kreuzstraße. Die Bebauung der etwas versetzt aneinander angrenzenden Häuser verlief etwa rechtwinklig über Teile der Straßenzüge Bodenweg und Kreuzstraße. Ein Teil davon im mittleren Bereich des Bodenwegs, der andere Teil in der
westlichen Kreuzstraße in Richtung hin zum Werrafluss gelegen. Ein größeres Teilstück dieser Blockbebauung im Bodenweg
war von den Bomben zerstört worden. Im Bereich der Kreuzstraße waren die Schäden geringer. Nach meiner Erinnerung
war nur das von unserem Wohnhaus etwa dreißig Meter weit entfernte Eckhaus Kreuzstraße/Bodenweg erheblich beschädigt
worden, die anderen Gebäude waren bis auf geborstene Fensterscheiben heil geblieben. Ein glücklicher Zufall hatte uns
verschont. Zwischen Tod und Leben lag eine Entfernung von nur wenigen Metern.
Während ich nach dem Sirenensignal „Entwarnung“ vom Keller hinaus in den Hof unseres Wohnhauses ging, hatten die Anwohner erste Hilfsmaßnahmen aus eigener Initiative gestartet. Ich sah, wie man blutüberströmte Verletzte auf Handwagen in
Richtung der Rettungsstationen oder der Krankenhäuser wegkarrte. Auch diese, noch bis zum heutigen Tag sehr bildlich
präsente meiner Beobachtungen erfuhr durch einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 2005 ihre Bestätigung. Für mich im Jahr
1945 nicht einmal vier Jahre zählenden kleinen Betrachter dieser Horrorszene hatten die blutenden Menschen in meiner kindlichen Vorstellung „schlimme Weh-Wehs“.
Nicht weit entfernt vom Ort der Tragödie befand sich damals in der Leipzigerstraße das Lazarett der Meininger Wehrmachtsgarnison, wohin man vermutlich die Verletzten zur ersten Notversorgung abtransportierte. Diese grausamen und nicht nur meiner kindlichen Phantasiewelt entsprungenen Bilder sind bis heute ein unvergesslicher Teil meiner frühen Kindheitserinnerungen!
S. 130
Wie es sich später herausstellte, hatte ich mir eine sehr begehrte Schönheit aus dem„Pool“ derMeininger Schwesternschule „Ignatius Semmelweis“ herausgefischt. Sehr begehrt deshalb, weil andere lokaleSchürzenjäger,welche bisher bei der Jagd auf dieweiblichen Meininger Schönen eigentlich immer recht erfolgreich gewesen waren, sich bei diesem Mädchen Abfuhren geholt
hatten. Neidvoll wollte man von mir wissen, wie ich an das begehrte „Wild rangekommen“ sei. Ich konnte mein Glück ja
selbst nicht fassen, dass ich mit meiner primitiven Tour gepunktet hatte. Es muss eben wirklich die Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, und zwar bei uns beiden. Katis beste Freundin erlernte ebenfalls den Beruf einer Säuglingsschwester.
Gemeinsam bewohnten die Beiden zusammen mit weiteren Studentinnen ein Zimmer im Internat der Meininger
Schwesternschule in der Ernststraße. Es handelte sich bei der Freundin um jenes Mädchen, mit welchem meine neue Eroberung
am Tag unseres gemeinsamen „Feuer fangens“ über das Meininger Volksfest gebummelt war. Die sehr intensive Mädchenfreundschaft geriet nun durch unsere beginnende Romanze etwas ins Hintertreffen. Die gemeinsamen Unternehmungen mit meinem Kumpel Hans fanden nun ebenfalls nur noch sehr eingeschränkt statt. Die Lösung aller dieser „Probleme“ war die Verkuppelung meines Freundes mit der ebenfalls sehr sympathischen und attraktiven Freundin von Kati.
Ich richtete es so ein, dass wir vier einmal wie zwanglos rein zufällig zusammentrafen, damit Hans taxieren konnte, ob die
Freundin meiner Liebsten seiner Kragenweite entsprach und ob sich ein Annäherungsversuch seinerseits lohnen würde. Was soll
ich sagen, es wurde die ideale Ergänzung zu meiner Liaison, denn Hans war sofort sehr angetan von diesem Mädchen, welches,
wie meine Liebste, ebenfalls einen etwas ungewöhnlichen Namen trug, nennen wir sie kurz „Mia“.
Nun planten wir also unsere Unternehmungen sehr oft gemeinsam und nahmen alles mit, was die kleine Stadt Meiningen so an
Unterhaltungsmöglichkeiten für uns junge Leute zu bieten hatte: Tanzveranstaltungen, Kinobesuche, Rockkonzerte, aber auch gemeinsame Spaziergänge an den oder die Busen der Natur. Die nächtlichen Heimwege von den Stätten unserer Unternehmungen zurück zur Schwesternschule wurden mit großem pärchenweisen Abstand durch den verschwiegenen Englischen Garten gewählt, wobei in den Sommernächten die vielen Parkbänke in den lauschigen, von dichtem Buschwerk umsäumten Nischen zu längerem und kuscheligem Verweilen ausgenutzt wurden. Ich denke, auf diese Zwischenaufenthalte muss ich nicht näher eingehen, fast jeder hat sicher schon eigene Erfahrungen diesbezüglich gemacht. Dem Autor seien beim Schreiben seiner Memoiren die schönen Erinnerungen daran jedoch gegönnt. Unserem liebevollen Tun waren aber leider zeitliche Grenzen gesetzt. Die beiden Mädels mussten sich jeweils pünktlich zu einer bestimmten Abendstunde im Internat der Schwesternschule einfinden und zurückmelden, sonst standen sie vor verschlossener Tür, so reglementierte es die strenge Internatsordnung. Verpasste man den „Zapfenstreich“, kam man nicht umhin, die Dienst tuende Nachtwache herauszuklingeln, was schriftlich vermerkt wurde und am nächsten Tag disziplinarische Folgen nach sich ziehen konnte mit der Verhängung eines längeren Ausgangsverbots. Schließlich sollte man ja ausgeruht zum Dienst beziehungsweise zum Unterricht erscheinen. Da die Jugend aber zu allen Zeiten erfinderisch war, ersann man auch hier gewisse bei Verspätung nutzbare Schleichwege, wie beispielsweise angelehnte Fenster im Parterre, welche schon mehrere Generationen von Schwesternschülerinnen für ihre nächtlichen Einstiege genutzt hatten.
Außerdem gab es auch noch einen sehr gut funktionierenden Bereitschaftsdienst aus diensthabenden Studentinnen, welcher inoffiziell und verbotenerweise auch noch nach Überschreitung der Ausgangszeit für einen freien und unbemerkten Zugang der zu spät Gekommenen sorgte. Wir verbrachten also zusammen eine herrliche, verliebte Zeit, und unsere Welt war rosarot.
S. 158
Endlich gehörte die verhasste Grundausbildung der Vergangenheit an, und die einzelnen Laufbahnausbildungen begannen.
Auch die Zeit unseres endlos erscheinenden Eingesperrtseins hatte nun ihr Ende gefunden, und der erste Ausgang stand uns
bevor, bei der Marine „Landgang“ genannt. Vor diesem Großereignis durften wir schon einmal mit einem Vorgesetzten per
LKW mit einem Mannschaftstransporter gruppenweise die Kaserne in Richtung Stralsund verlassen. Man zeigte uns die
Stadt und verklickerte uns, was erlaubt und was verboten war. Der Besuch einiger Stralsunder Gaststätten war Militärangehörigen bei strengster Strafe untersagt. Man befürchtete Konflikte mit den dort verkehrenden ausländischen Seeleuten und illegalen „Bordsteinschwalben“, welche für ein paar Devisen bereitwillig die Beine breit machten.
Zusätzlich zu diesen Lokalen verbot uns Zugführer Obermeister Platzk vor unserem ersten Landgang den Besuch des am Stralsunder Altmarkt gelegenen Ratsweinkellers. Diesem zwar nicht offiziell für uns verbotenen Etablissement ging ein gewisser Ruf in der Flottenschule voraus, welcher uns alle sehr neugierig machte, hatte man dieser Gaststätte in Marinekreisen doch den
verheißungsvollen Namen „Tittenkeller“ gegeben. Papa Platzk drohte, er würde Zivilstreife gehen, und wer in besagtem „verruchtem“ Lokal von ihm angetroffen würde, der bekäme keinen Landgang mehr während der gesamten Ausbildungszeit in Stralsund. Er hielt uns vor dem ersten Landgang einen Vortrag, aus welchem mir die folgenden Sätze in Erinnerung geblieben sind: „ … Ich kenne euch doch, wenn ihr rauskommt, dann ist der Verstand im Arsch und hilft schieben. Dann wird ein Torpedoangriff gestartet, das Ding ist verbogen, und der Sani soll alles wieder richten.“
Vor dem Landgang nach Stralsund hatte man uns allerdings erst einige Hürden in den Weg gestellt, welche man überwinden
musste. Das waren zuallererst die obligatorische Landgangsmusterung und zweitens schikanöse Vorgesetzte mit niedrigeren
Dienstgraden und ebensolchem Intellekt, welche vermutlich eine Selbstbestätigung darin sahen, beziehungsweise eine Erektion
oder einen Orgasmus bekamen, wenn sie ihre „Macht“ über uns demonstrieren oder an uns ihr Mütchen kühlen konnten.
Die Prozedur der Landgangsmusterung in der Flottenschule spielte sich in etwa gleichbleibend folgendermaßen ab: Zu zwei vorgegebenen Zeiten bestand die Möglichkeit, sich für den Ausgang mustern zu lassen. Verpasste man den letzten Musterungstermin, dann fiel der Ausgang quasi ins Wasser. Nach dem Kommando „Landgänger raustreten“ hatten sich die um Landgang nachsuchenden Matrosen auf dem Appellplatz vor der Unterkunft in Reih und Glied aufzustellen. Bei schlechtem Wetter fand die Musterungsprozedur auf dem Flur des Mannschaftsgebäudes statt. Die Ausgangsmusterung war Aufgabe des UvD`s (Unteroffizier vom Dienst). Er nahm die akribische Landgangskontrolle vor, wobei er besonderes Augenmerk auf folgende Äußerlichkeiten und Umstände legte: Schuhe glänzend geputzt einschließlich Steg zwischen der Sohle und dem Absatz, Hosen gebügelt, sauberes Taschentuch und ebensolcher Kamm in den Hosentaschen; Exkragen (Matrosenkragen) mit Bändern und Ösen seitlich am Körper festgebunden und nicht nur lose im Brust- und Rückenbereich hängend; Schleifchenbänder des Exkragens durch das schwarze Knotentuch gefädelt und dann vorne zu einem kleinen Kreuzschleifchen gebunden, und nicht etwa nur mittels eines rückwärtigen Knopfes in die Blusenverschnürung eingeknöpft sowie die Schleifchenenden sauber verschnitten; Kontrolle der goldfarben besticktenMützenbänder derMatrosenmütze auf sauberen schrägen Zuschnitt der Enden, welche bei den an der Küste vorherrschenden Winden immer wieder ausfransten; Mützenbezug der Sommeruniform makellos blütenweiß und mit einem Spannring tellerförmig gespannt (was wir alle auf den Tod hassten); ordentlicher Haarschnitt und saubere Rasur. Hatte man all diese Kriterien erfüllt und die umfangreiche Kontrollprozedur ohne Beanstandung erfolgreich hinter sich gebracht, dann durfte man sich glücklich schätzen und in der alten Hansestadt Stralsund für ein paar Stunden den Barras fast vergessen.
S. 285
Nach den ersten stürmischen, leidenschaftlichen und zärtlichen Liebkosungen fragte ich meine Liebste bei unseren Gesprächen
im Laufe des Abends auch nach ihrem Alter und bekam einen Schock, als sie mir antwortete, sie werde in zwei Monaten
siebzehn Jahre alt. Mein Gott, sie war also erst sechzehn süße Lenze jung, während ich bereits fünfundzwanzig Jahre zählte,
also knapp neun Jahre älter war als sie. Durch ihre geistige Reife und die sehr fraulich ausgeprägte Figur einer etwa Neunzehn bis
Zwanzigjährigen hatte ich mich täuschen lassen und das Mädchen Annette etwa zwei Jahre älter eingestuft. Ich weiß es
bis heute nicht hundertprozentig genau, ob auch sie einen Schock bei der Nennung meines Alters bekam. Ich fragte mich insgeheim, konnte bei diesem großen Altersunterschied zwischen uns eine dauerhafte feste Beziehung entstehen, konnten wir
beide ein Paar für die Ewigkeit werden? Ich hatte ernste Zweifel! Kam nicht vielleicht doch noch ein Jüngerer, welcher vom
Alter her viel besser zu ihr passte und der sie mir dann wegschnappte? Durfte ich wirklich hoffen, dass sie sich in ihren sehr
jungen Jahren schon auf einen Mann festlegen würde, der sich mehr von ihr erhoffte, als nur eine längere, schöne aber vielleicht
bald vorübergehende Liebelei? Und da war dann auch noch ein sehr wichtiger Punkt, mit ihren noch sechzehn Lenzen galt sie im Sinne des Gesetzes als minderjährig. Wenn ein fünfundzwanzigjähriger Mann mit einem erst sechzehnjährigen Mädchen sexuelle Beziehungen unterhielt, konnte das im schlimmsten Fall als Verführung Minderjähriger ausgelegt werden. Dabei spielte es keine Rolle, wie körperlich entwickelt und geistig reif das Mädchen war. Auf längere Dauer gesehen ließ sich der Wunsch von zwei Verliebten nach einer körperlichen Vereinigung, welche über das Küssen und Schmusen hinausgeht, schließlich auch nicht unterdrücken. Ich wusste das aus eigener Erfahrung. Etwas Besseres kann einem Mann im Leben zwar kaum passieren als die Liebe einer so jungen und hübschen Frau. Aber was ist, wenn die Jahre dann vergehen, der Lack ab ist und das Alter seinen Tribut verlangt? Ich wäre (bin) mit siebzig Jahren fast schon ein Greis, vorausgesetzt ich erreichte dieses Alter überhaupt (ich habe es erreicht), und sie wäre dann erst einundsechzig Jahre alt. All diese Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Mir war klar, dass dieses von mir so innig geliebte Geschöpf bisher keine oder nur wenige Erfahrungen im näheren oder gar im
intimeren Umgang mit demmännlichenGeschlecht gemacht hatte, was meine Verantwortung ihr gegenüber nur noch steigerte.
Nun verstand ich auch, warumsie keineMöglichkeit für ein Rendezvous bei unserem ersten Zusammentreffen gesehen hatte. Sie
war vermutlich immer gut behütet worden in ihrem Ilmenauer Elternhaus und noch dermaßen auf Schule und Lernen eingestellt,
dass sie es sich beimeiner ersten Verabredungsofferte quasi nicht vorstellen konnte, ihre freie Zeit für die ihr noch weitestgehend
unbekannten schönen Erfahrungen einer Partnerschaft zu erübrigen. Vergleichende Gedanken drängten sich mir unwillkürlich auf. Als ich mit achtzehn Jahren die Uniform der Volksmarine trug, hätte es durchaus möglich sein können, dass einmal ein kleines, unbekanntes neunjähriges Mädchen mit dem Namen Annette Vogt am Ostseestrand meinen Weg gekreuzt hätte. Auf die Idee, dass dieses kindliche Wesen später einmal die Liebe meines Lebens werden würde, wäre ich wohl kaum beim Anblick des in
diesem Alter für mich noch uninteressanten und schlaksigen Mädchens gekommen.

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